Der Weihnachts-Poller

Wenn Menschen gefragt werden, was sie mit Weihnachten verbinden, kommt wie aus der Lametta-Pistole geschossen: Fest der Liebe, Geschenke, Stress, Familienstreit, Urlaub, Lichterkette, Weihnachtsbaum, Schnaps. Neuestens reiht sich ein weiterer Begriff in die fröhliche Runde ein: Der Poller. Der quaderförmige Betonklotz ist häufig am Rand von Weihnachtsmärkten zu finden und gesellt sich gern zu anderen schüchternen Pollern. Da die Poller neu im Xmas-Business sind, stehen sie lieber außerhalb und trauen sich noch nicht weiter in das kuschelige Geschehen. Dabei müssten sie gar nicht zurückhaltend sein: ihr klassisch zeitloses Design wird sie eines Tages zum Kultstatus befördern. In einem Atemzug wird dann genannt: Der Eames-Stuhl, die Starck-Orangenpresse, der Weihnachts-Poller. Allein durch seine protzige Türsteher-Statur, die aus jeder seiner Beton-Poren die Wörtchen „hier kommst du nicht durch“ verlauten lässt, seine nach Sicherheit strotzende Ausstrahlung und seine qualitativ hochwertige Verarbeitung made in Germany wird er viele Design-Liebhaber gewinnen.

Das Image des Pollers ist noch etwas aufpollierungsbedürftig. In Gesprächsrunden mit depressiven Pollern hört man oft, wie sehr sie sich durch Sätze wie „Ach herrjeh, soweit ist es schon gekommen.“ oder „Das bringt doch alles nix.“ unbeliebt und missverstanden fühlen.
„Dabei sind wir sehr gut ausgebildet, halten unseren Kopf für die Menschen hin, arbeiten Tag und Nacht bei Minusgraden, und das in der stressigen Weihnachtszeit. Hunde pinkeln uns an, Leute stellen heiße Getränke oder Müll auf uns. Was wäre denn, wenn wir nicht da wären?“

Poller haben zwar eine harte Schale, aber im Innern sehnen sie sich auch nach einer harmonischen Vorweihnachtszeit, in der sie für ihre Arbeit respektiert werden und im Vorbeigehen sanft gestreichelt werden. In manchen Städten, wie in Gütersloh, werden sie dekoriert wie riesige Geschenke. Continue reading

Real Eyes

Immer wieder sehe ich Logos von „Fleischherstellern“, auf denen mit lachenden Schweinen, Kühen, Hühnern und anderen Tieren geworben wird. Sie sind liebevoll gezeichnet oder fotografiert, stehen allein oder zu zweit auf der Wiese, fressen Gras, die Sonne scheint, und irgendwo im Hintergrund sieht man das Haus des fürsorglichen Farmers. Dass solch eine dargestellte Situation nicht der Wahrheit entspricht (selbst bei Bio) muss ich dem aufgeklärten Leser nicht erklären. Das Gegenteil ist der Fall. Doch wer würde ein Produkt kaufen, das nicht den Namen „Wiesenfarm“ oder „Gutshof“ trägt, sondern „Käfigsau“, und zu sehen sind weinende, kranke Tiere, die noch nie Sonnenlicht gesehen haben?

Real Eyes

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